Dora Assoluta und die "Foster Majestic"
(Für Dora zu ihrem Geburtstag im Juli 1999)

Zur Erklärung für den Leser: "Dora Assoluta" ist die langjährige Freundin von Godehard Lietzow und Horst Hartmann. Die "Foster Majestic"ist das Berliner Reichstagsgebäude, das von dem englischen Architekten Norman Foster umgebaut wurde. Die in der Erzählung genannten Personen Lady Barbara und Lord B. sind Freunde von uns mit Namen Barbara und Bernhard.
Viel Spaß bei der Lektüre!


"Häufig wird man im richtig falschen Moment gestört. Das Fax-Gerät rumpelt oder das Telefon klingelt. In diesem Fall war es das Letztere. Der stickigen Luft des Hauses entflohen, saß ich auf der geräumigen Terrasse (
erklärend muß gesagt werden, dass wir einen winzigen Balkon hatten), deren dichte, von einer wohligen Brise bewegten Bougainvillea- und Glyzinien-Vorhänge (wenn es die doch nur gegeben hätte) die gleißendeMittagssonne zu hüpfenden, flatternden, mattfarbenen Lichtflecken filterten und die eckigen Eisblöcke in der Austern-Kühlschale zu herrlichen Kristallen aus lichtem Rubin, Saphir und Smaragd verwandelten. Vor mir vierundzwanzig bretonische Austern, deren hartkantiges Knacken beim Aufbrechen der Schale anzeigte, dass wieder Freitag ist. Austerntag - seit jenem Fest in Coqueville, einem kleinen Felsennest in der Nähe von Grandport, über das einst Monsieur Z. so eindrücklich berichtete.

Rrrrr....Rrrrr....Rrrrr.... das Telefon. Eilig bettete ich die Austern in arktische Kühle und eile zum Apparat. Beim Abheben des Hörers raunt ein unwiderstehlich sanftes, leicht melancholisch umflortes "Hallo - hier ist Dora" ins Ohr. Doras Telefonate beginnen immer wie Grüsse aus einem von lichter Trauer umschatteten Elysium. Mit leichten Verzögerungen landet sie erst im zweiten Satz in der tatsächlichen Realität - wie Pinguine, die von der Woge an den Strand getragen, den Elementen-Wechsel von Wasser zu Land mit zwei kleinen Doppelschritthüpfern überbrücken. "Ich rufe an, um Euch zu fragen - hm - hm - (Doppelschritthüpfer), ob Du - hm - hm - (Doppelschritthüpfer) und Horst Lust hätten, die "Foster Majestic" anzusehen. Horst wollte doch schon immer an Bord." Und weiter: Lady Barbara würde mit uns gern am nächsten Sonntag, zehn Uhr, ein petit déjeuner auf der "Foster Majestic" nehmen wollen. Seit die "Foster Majestic", die einstig kaiserliche "Day of Empire", total modernisiert, überholt und von Meisterhand auf Zeitgeistluxusstromlinieumgestaltet, am Hauptstadt-Kai liegt, wallfahrteten bereits Abertausende von Sehnsüchtigen zu diesem stolzen Giganten der Polit-See, um einen kleine Hauch jenes Luxus zu erhaschen, von dem sich die Großen und Mächtigen des Landes zu bedeutsamen Appellen und Vorschlägen animieren lassen werden. "Ich hole Euch ab" sagte Dora und hauchte abschließend ihr engelsanftes "Ciau" durch den Hörer. "Tschau Dora".

Ich war total enthusiasmiert und wandte mich voller Tatendrang wieder den riesigen Austern auf der Terrasse zu, auf denen jetzt, kaum sichtbar, ein fast unwirklich goldener Schimmer des Glücks ruhte: die herrliche "Foster Majestic", die teure Dora, die elegante Lady Barbara, der edle Lord B. und wir, Hotte und ich. Meine Erregung näherte sich schon jetzt jener prickelnden Seligkeit, die ich sonst nur in Hoppegarten verspüre,wenn Potiphar kurz vor dem Start mit der linken Hinterhand dreimal im Sand scharrt. Mon Dieu; dass ich das noch erleben darf!

Am kommenden Sonntag prachtvolles Wetter: Segelwetterblauer Himmel mit kleinen weißen Treibwolken. Phantastisch! Und dann noch diese Brise - ideal für die "Foster Majestic". Immer wieder streifte ich mit lässiger Bewegung die weißen Voiles des hohen Milford-Fensters zur Seite, schaute die lange Allee hinunter, kniff die Augen zusammen, um so Doras schwarze Limousine schneller, besser, rechtzeitiger zu erspähen. Plötzlich: Da, ganz fern ein kleiner schwarzer Punkt. "Hottilein! Sie kommt!" Erregt sprangen wir die weiße Marmortreppe hinab hinaus und standen rechtzeitig vor den üppigen Kürbis- und Rhabarber-Rabatten, die unser Haus so lieblich umspielen. Fast lautlos stoppte die riesige Limousine. Und dann, nach einigem Zögern öffnete sich langsam mit einem feinen Klick und abermaliger Verzögerung die von uns abgewandte vordere Tür des großen Wagens. Nach einer Weile tauchte ein kleines zierliches Köpfchen mit einem kleinen zierlichen Haarkick hinter dem großen Schwarz auf - und dann sie ganz: Dora! sinnlich schön wie eine orientalische Blume mit schwarzer Sonnenbrille. Eng um die Hüften geschlungen ein bodenlanger pompejanisch-roter Rock, fast ein Sarong, der bei jeder Bewegung aus einem gleichfalls bodenlangen Schlitz köstlichsten Seiden-Rosé erblühen ließ. Und die Brust - ach - gewandet in ein enganliegendes Blüschen - riesige rote Päonien auf weißem Fond - anderthalb vorn, hinten zwei. Mon Dieu; So etwas kannte ich nur aus traumhaft indischer Ferne. Die Maharani von Boroda oder die Begum, so ganz privat, könnten nicht schöner erscheinen als sie: Dora Assoluta! und Dora Assoluta öffnete weit ihre Arme, streckte sie uns entgegen und wir, Horst und ich, versanken tränenglückselig in eben diesen und an ihrem pochenden Herzen... Und sie rief mit hell-guturaler Stimme: "Hallo Jungs! Steigt ein! Und uffi gings. Heute fuhr Dora Assoluta eigenhändig. Robin, der Chauffeur, hatte Ausgang und wir waren es ihr wert.

Am Pier angekommen, hielten wir kurz Ausschau nach Lord und Lady B.. Keine Kalesche in Sicht. Vielleicht kommen die beiden heute auch mit ihrem Rolli. - Vor uns die riesige Flanke der "Foster Majestic". Menschenmassen drängten hinauf zur großen Ladeluke, über der noch immer der alte Spruch der einstigen "Day of Empire" geschrieben stand: "Dem deutschen Volk". Zum gemeinen Volk gehören wir nicht - das wußte Dora und eilte hinauf zum zweiten Kapitän, erzählte ihm von der Einladung durch Lady Barbara und Lord B. Der kleine Captain sagte kurz "Aha! - Dann bitte zur kleinen Gangway, rechts von der großen - zum special guest gate!". Dora Assoluta blühte im Organisatorischem förmlich auf. Das ist ihr Element, da ist sie zuhause. Und kein noch so enger Sarong kann Dorchens zierliche Trippelschrittchen mehr bremsen. Das Sonntagmorgenglück schien vollkommen, als über der Menge ein heller Ärmel sich hob und die rechte Hand von Lord Bernhard den bekannten zweifingrigen Victory-Gruß salutierte. Lord B. ganz in Weiß und Beige und einem königsblauen Hemd, Lady Barbara vornehm und dezent in steingrauen Hohlsaum gewandet. Im Übrigen, da von Kleidern die Rede: Auch Horst trug sommerlich Weiß und Beige und ich hatte mich für diesen Tag, kontrastierend zum Himmelsblau mit Weißwolke in Schwarz und Safrangelb gehüllt. Kotau und Ehrenbezeugungen, Grüsse, Fragen nach dem werten Befinden, obligat freundliche Antworten, freundschaftliche gegenseitige Bekundungen und Würdigungen der äußerlichen Erscheinung - eben, wie das so ist an einem sonnigen Sonntagmorgen unter fünf glücklichen Menschen. Dann gings hinauf zum special gate for special guests.

Wie auf allen Airports dieser Welt sind auch an Bord der "Foster Majestic" Sicherheitssysteme und ihre entsprechenden Maßnahmen die eigentlichen Sesam-öffne-oder-schließ-dich. Alles ging gut. Lady Barbara legte ihr Petit-Point-Täschchen, Dora ihre italienische Design-Tasche auf's Fließband, dann Horst und ich unsere Hausschlüssel und schließlich Lord Bernhard seinen kleinen silbernen Revolver und dann schritten wir alle durchs Strahlentor der besseren sicherheitstechnischen Erkenntnis. Wie gesagt: alles ging gut, bis auf Lord B., der sich einer mehrfachen Überprüfung unterziehen musste, was ihn von Mal zu Mal sichtlich erheiterte. Es piepte unten - und er sagte "Aha! die Schuh-Einlagen" - es piepte oben: "Haha, haha! Der Reißverschluss vom Hosentürle" - doch es piepte in der Mitte weiter: "Nanu!" Lord B. griff in die rechte Hosentasche, zog seine Hand wieder heraus, öffnete sie und da lagen sechs kleine graue Kügelchen. "Haha" lachte Lord Bernhard herzlich auf: "Meine kleinen Glücksbringer!" "Oh Bernhard, dass Du das nicht lassen kannst", eilte Lady Barbara herbei und, an den Schutzmaat gewandt, fuhr sie fort: "Die hebt er immer auf, diese ollen Schrotkugeln von der letzten Fuchsjagd." Und Lord B., vergnügter denn je: "Ja, ja, die bringen Glück - auch in der Liebe, meine liebe Liebe."

Der Fahrstuhl, der uns nach oben aufs Deck bringen sollte, war riesig, wie wohl alles in diesem riesigen Liner. Dreißig Personen oder gar mehr passen rein. Spiegel an den Seiten multiplizierten die Köpfe der Passagiere und damit den Raum ins Unendliche. Eine Heerschar von special guests - inflationierend und lächerlich. Mir entging nicht der indignierte Blick von Lady Barbara, den sie Horst zuwarf und dann lautlos die Lider senkte. Als sich die Tür wieder öffnete, waren wir zu unserer Überraschung noch lange nicht auf dem Oberdeck angelangt. eine große Glaskuppel überwölbte eine weite lichtdurchflutete Halle, eine Art main hall, in deren Mitte eine haushohe, wunderbar fascettierte Spiegelsäule das Licht abwärts in unsichtbare untere Räume reflektierte. "Damit wird wohl der Bankettsaal beleuchtet oder vielleicht ein Auditorium", meinte Horst. "Nein, nein, mein Guter" antwortete Lord B. "Ich denk, hier drunter ist ein riesiges Solarium - das ist doch jetzt überall in. Mein Gott der Aufwand! Das ist sicher nurf etwas für VIPs - für uns also, meine Lieben - mit allem Drum und Dran". Und mit gehobener Stimme und in feinstem Balinesisch-Englisch fügte er hinzu "Massaass Mister? - Hahahahaha". So, als ob sie nichts gehört, eilte Lady Barbara die frei schwingende Wendelspirale hinauf, die sich über mehrere Etagen durch das sommerliche Licht hin zum Oberdeck emporwandt. Das weiträumige, karusselartige Imkreisewandern, das leichte Schlingern des Schiffs und der Blick immer von hoch hinab machten Dora regelrecht schwindelig, fast seekrank. Sie war glücklich, als wir endlich am Oberdeck anlangten und wieder festen ebenen Boden unter den Füßen hatten. Der Blick von hier oben allerdings: majestätisch! Auf der anderen Seite der Pier, der Hafen, die vielen Kräne, die Stadt - auf der anderen Seite die weite grau-bewegte See, und unter uns die große "Foster Majestic". Phantastisch.

Dora, sichtlich erschöpfte vom vielen Wandelwandern und vom Umher- und in-die-Ferne-Schauen, drängte dem Bordrestaurant zu. Der Tisch, den Lady Barbara für uns wählte, gewährte freien Blick auf die See, eine frische Brise - und ein wenig Schatten für sie und Lord B. - und für Dora, Horst und mich wärmende, gleißende Sonne. Den knapp und bündig sprechenden Steward empfand Dora als unfreundlich. "Da kenne ich Unfreundlichere", merkte Lady Barbara an. Wir bestellten: Dora und ich je ein Croissant-Frühstück für viel Geld, Horst, von den hohen Preisen geschockt, verzichtete ganz aufs Essen und Lord und Lady B. teilten sich preisbewusst in ein italian style breakfast, das in einer dreistöckigen Etagiere gereicht wurde und mächtig imponierte. Kaffee war im Frühstückspreis nicht inbegriffen und kostete extra - die Tasse sieben Mark fünfzig. Fast so teuer, nur viel schlechter, wie in Venedig zur Biennale. Als Dora auf die zwei winzigen Croissants, das Sauerkirsch-Marmelade-Gläschen aus Werder und den in der Sonne schmelzenden Butterriegel blickte, entfuhr ihr erschreckt: "Mein Gott, wer soll das denn alles essen - so viel!"
Wir anderen schauten uns verwundert an. Dora biss einen Happen Croissant ab und atmete dann ein tief empfundenes wohliges "Ahhhh" aus - was wohl soviel heißen sollte wie "Ich bin satt - ich fühl mich wohl und die Sonne ist herrlich." Und eigentlich fehlte jetzt nur noch eine Liege. Und ich stellte mir vor: Dora Assoluta auf einem seidenverhüllten Diwan als kleine pompejanisch-rote Maharani, auf einer goldenen Barke auf den heiligen Wassern des Ganges. Und ich drückte auf den Knopf meiner Olympus, und knippste. Horst fragte: "wo sind hier die Toiletten?" - und ich, noch immer in mein indisches Traumbild versunken, antwortete ihm: "Jenseits des Ganges, mein Sohn." Alles andere war bloße, wenn auch willkommene, Formsache. Lady Barbara hatte uns alle erfreulicherweise eingeladen und reichte dem Steward ihre Karte von der Ascott-Horse-Race-Bank. "Pardon, Madame, aber diese Karte dürfen wir leider nicht annehmen", entschuldigte sich der Steward. Ich denke, sie zahlte dann wohl in bar - oder war es Lord Bernhard - ach nein: der reichte dem Steward nur das Trinkgeld und zwinkerte jovial mit dem linken Auge.

Doras Sauerkirsch-Marmelade aus Werder nahm ich mit nach Hause, aß sie am Montagmorgen zum Frühstück und dachte beim Anblick des roten Fruchtaufstrichs an Dora Assoluta, die liebenswerteste Maharani von Berlin an Bord einer pompejanischrotgestrichenen "Foster Majestic"

Godehard