Einführung in die Ausstellung "Elemente"(Aquarelle) in der Guardini-Stiftung Berlin 1994

Godehard Lietzow ist ein Farbenkünstler, d.h. ein Maler, der seine Intuition, seine Gedanken und Träume, Empfindungen und Vorstellungsweiten aus dem urschöpferischen Grund des Farbenkosmos bezieht. Das Aquarell als genuines Medium erlaubt im Prinzip kein Verweilen, sondern gilt als Niederschrift eines eher lyrischen Weltgefühls, gleich, ob es sich um Landschaften, Stilleben, um Zeichenhaftes oder Figuren handelt. So scheint
es jedenfalls.
Denken wir einen kurzen Moment an die unvergleichlich intensiven Aquarellbilder August Mackes von seiner Tunisreise, oder an die Zeichenkürzel von Julius Bisier oder vielleicht auch - wieder ein zeitlicher Sprung - an die Aquarelle von Sam Francis, die er zum Teil auch als Großformate ausgeführt hat. Nichts weiter verbindet diese Künstler außer der Tatsache, dass Sie Aquarelle gemalt haben. Je länger freilich ich darüber nachdenke, desto mehr taucht intuitiv die Überzeugung auf, dass das Aquarell eine sichtbar gewordene Form von Spiritualität darstellt, etwa wie ein Gedicht eine komponierte Gedankenwelt sinnfällig greifbar macht.
Ich möchte nun aber nicht länger in Theorien verweilen, sondern unmittelbar auf die Arbeiten von Godehard Lietzow zu sprechen kommen. - An ihnen fällt auf den ersten Blick zweierlei auf: zum einen sind es die beträchtlichen Formate, zum anderen Tiefe und Vielschichtigkeit ihrer Kernzonen; beides in der Aquarelltechnik eher unüblich. Godehard Lietzow baut seinen künstlerischen Kosmos, wie er sagt, aus den Elementen Wasser und Feuer, die - als polare Gegensätze - eine Art dramatischen Widerstreits auf den Plan
rufen.
"Späte Löschung der Glut" lautet zum Beispiel so ein Titel. Eine Form in Blau löscht das darunterliegende Rot - ein sinnfälliges Geschehen. Auf anderen Arbeiten ziehen sich breite Bänder von glühenden Lavaflüssen über das Papier. Auf wieder anderen senkt sich das Blau wie ein milder Teppich der Dämmerung über das Geschehen. Wundersame Vorgänge wie aus den Mythen einer uranfänglichen "Weltenbrand"-Saga. Allerdings sind Godehard Lietzows dramatische Bildgeschichten als zeitlose Mythen zu lesen. Es handelt sich um das Eintauchen in die Abgründe existentieller Zusammenhänge, aus denen der Mensch - zumindest als handelndes Wesen - ausgeschlossen ist.

Ich kenne Godehard Lietzow schon seit langem, habe seine ersten Schritte als Kritiker mitverfolgt und sodann seine Erfolge als Galerist über viele Jahre hin miterlebt. Im Nachhinein wird offenkundig, dass dies für Godehard Lietzow die Lehr- und Wanderjahre waren. Vorstadien seiner eigentlichen Bestimmung. Schon zu Anfang seiner Malerei gab es bestimmte Entscheidungen, die bis heute gültig sind: die lyrisch-abstrakten Formulierungen, die poetischen Inhalte, fern von vordergründigen Realitäten - sowie eine sehr individuelle Kompositionstechnik, die dem Bildinhalt eine starke Geschlossenheit gibt. Schräge Ovale, Rundungen und Diagonale werden vorgegeben und bleiben lange Zeit beherrschend. Mittlerweile sind weitere Momente dazugetreten: Flussartige Bänder, in denen und durch die Energie gebändigt wird, spitze Kegel gleich Feuerkerzen, Felsenplateaus, die sich echoartig zum Rand hin auflösen. Eine begrenzte Gestaltform wird nicht angestrebt; sie ergibt sich aus dem Malduktus. Die Gestik ist der Aussage eng verschwistert. Immer geht es um das Einkreisen einer Imagination. Dieses Imago basiert, wie schon erwähnt, auf Polaritäten, von denen Feuer und Wasser oder rot und blau nur zwei von vielen sind. Ebenso können wir Tag und Nacht, hell und dunkel, fest und schwebend, und eben auch lyrisch und dramatisch sprechen.
Nicht von ungefähr habe ich vorhin Sam Francis erwähnt. Auf seinen Arbeiten, egal welcher Technik, herrschen oft Spannungen zwischen einzelnen Bildelementen. In seinen Aphorismen und Notizen hat Francis sich immer wieder zum Phänomen der Farbe geäußert: zum Beispiel "Farbe wird geboren aus der Durchdringung von Licht und Finsternis" oder "Farbe ist Licht auf Feuer". Oder, noch erstaunlicher, "Feuer ist eine Form der Zeit".- Farbe ist das Lebenselexier dieser Aquarelle, die wir vor uns sehen, und sie ist zuallererst eine spirituelle Kraft.
Das heißt jedoch nicht, dass Godehard Lietzows Arbeiten nicht auch eine Komponente von Gesehenem und Erlebtem in sich trügen. Landschaften zuallererst haben Anstöße gegeben und sind als ""verinnerlichtes" Erlebnis wieder ans Tageslicht getreten, im Kunstwerk niedergeschrieben.
Soeben scheint eine neue Phase eingeläutet zu sein. Nach vielen Dunkelheiten, nach Flammenwerfern und Feuersäulen, Dämmerungen und Nachtnebeln wird der Helligkeit eine Chance gegeben. In
"Baltic Sunset", zwei Arbeiten von 1994, wird die Auseinandersetzung mit dem Licht, genauer gesagt, dem Licht der Ostseestrände, als neue Erfahrung ausgebreitet.
Ein schwebendes Meer, in sich zur Ruhe gekommen, Frieden ausströmend, still.

Dr. Lucie Schauer
1994