Zu meinen Aquarellen

Am Anfang steht niemals der ideelle Entwurf, niemals die gedanklich geklärte Konzeption, der nur noch die Ausführung nach überschaubarer Bildgesetzmäßigkeit folgt. Ich misstraue den Ideen-Architekten. Ihre Häuser sind mir zu kalt. In den temperierten Zonen des Lebendigen fühle ich mich wohler. Mein Denken ist organisch. Ich kann und möchte es nicht von meinem Fühlen trennen. Gefühl und Gedanke sind keine Feinde; Empfindung, Empfindsamkeit, Sinnlichkeit keine Todsünden wider das Denken.
Wollte ich meine Aquarelle und mich selbst aus ihnen zu erklären versuchen, müsste ich im Bereich der Musik, der Gedichte beginnen – besser noch im Bereich des Musizierens, des Dichtens, denn nicht das Ergebnis, sondern der Prozess ist wichtig. In aller improvisatorischen Freiheit spiele ich auf dem Instrument des Aquarelllisten und dem des Zeichners,
belasse der Farbe dem Wasser, der Tusche, dem Papier, dem Pinsel und der Feder ihre Eigengesetzlichkeit, ihren Eigenklang. Bewege mich zwischen visueller Harmonie und Kontrapunktik, versuche ein Grundthema immer wieder aufzufangen, neu zu intonieren, neu zu paraphrasieren, unterlege Rhythmen und Gegenrhythmen.
– Oder aber, wenn ich die Analogie zur Sprache herstelle, ist es der Prozess der Verdichtung: das Ausstreichen, das Löschen von Überflüssigem, die Infragestellung von Sinnbildern bis hin zur Umkehr der Ausgangsposition, hin zu einer möglichst dichten imaginären Sinnhaftigkeit.
Auf der Fläche musizieren, dichten: Lieder malen.

Von meiner engen Beziehung zur Landschaft und zur menschlichen Gestalt habe ich schon gesprochen.
Erlebniszonen spielen eine Rolle. Gelegentliche Erinnerungs-Assoziationen, z.B.: Spaziergänge durch den Tiergarten: Lichtspiegelungen im Wasser, Spaziergänger, die aus einem Gebüsch auftauchen, ein Landschaftsszenarium hinter dem filigranen Zweigwerk von Bäumen im Winter. Aber auch: Wanderungen auf Inseln im Mittelmeer, auf Santorini vor allem, und auf Anafi: Immer von hoch oben der Blick (Vogelperspektive) auf das Meer tief unten und auf die ferne Trennungslinie zwischen Meer und Luft und auf schwindende Schiffe und aufdämmernde Inseln, fern irgendwo, und in die weiche, sich stets verändernde Farbikeit des Lichts, allgewaltig ringsum, oder auf zufällig auf dem Boden liegende Scherben und auf die kleinen zarten Blüten der Ackerwinde am Wegrand.
Aber auch: Wanderungen durch die Palmoasen von Djerba und Marrakesch, Wanderungen durch den Hohen Atlas, durch die Wüste, durch die nächtliche leere Medina von Fez, durch die nächtlichen Strassen von Berlin, Paris oder Athen. Alles Anhaltspunkte lediglich, um mich hier erklärend einzufangen.

Bewusstseinszonen spielen eine Rolle: das Bewusstsein von der oft schmerzlichen Einsamkeit des Menschen, von der schicksalhaften Verlorenheit des Lebens in den Tod, in die Vergänglichkeit. Trauer breitet sich aus, wird zum Bewusstseinsteppich. Resignationen?: Nein, sie nisten sich nicht ein. Dagegen kommen Heiterkeiten auf. Der Wanderer wandert weiter, kennt seinen Weg in der Dunkelheit und weiß, dass Dämmerung folgt: Horizonte werden gesichtet, Hügel, Hänge, Inseln, Felder, vereinzelt Gestalten. Der Wanderer liebt die Freiheit, die Weite, die Stille.
Stille ist vielleicht das Wort, auf das er stoßen musste als Wünschelrutengänger der wörtlichen Erklärung.
Stille – nicht die Lautlosigkeit, nicht die Leblosigkeit, nicht die tote Zone des Abstrakten.
Stille – vielleicht nur das private Bedürfnis eines Großstädters, der die Großstadt liebt und hasst. Vielleicht nur die Antwort auf all die Unruhe und Un-Stille, den Lärm, ringsum. Vielleicht auch Neigungen zum Meditativen, zum Betrachtenden.

Der Seelenfrieden, das Glück: ja, auch sie spielen eine Rolle. Und auch die Schönheit. Wo sie auftauchen, oftmals sehr zufällig – für mich, für meine Freunde und für die, die sich der Mühe unterziehen, meine gemalten, gezeichneten Blätter zu betrachten.


Godehard Lietzow
1981