Zu meinen Tuschzeichnungen

"Sechs Jahre sind es her, seit ich mit dem Zeichnen und Aquarellieren begonnen habe. Ein paar hundert Arbeiten sind seither entstanden, vorrangig kleine und mittelformatige Blätter. Ich zeichne viel, ich zeichne gern und fast täglich. Die spontane Zeichnung hat bislang im Vordergrund gestanden, Feder und Tusche sind die bevorzugten Arbeitsmittel. Die Zeichenfeder ist für mich oft weniger das Fachinstrument, dessen ich mich bediene, als vielmehr organischer Teil meiner Hand, meines Körpers. Sie ist jenes Nervenende, das seismographisch meine körperlichen, seelischen und geistigen Unruhen niederzeichnet - oft in einer Art automatischer Niederschrift. Feder und Tusche hinterlassen Spuren, nervöse oder rythmische-tänzerische Lineaturen, agressive Schraffuren und lapidare Zeichen.
Sinnliche Vibrationen, kontrapunktierte Rythmen, die lebendige Dynamik der einzelnen Linie wie der ganzen Zeichnung sind mir wichtig. Ich arbeite frei und unbekümmert um akademische Kunstgesetzlichkeiten. Die subjektive Organik der lebendigen Niederschrift bedeutet mir mehr als der interpretierbare Inhalt möglicher Darstellungen. Zu dem, was sich auf dem Blatt darstellt, kann ich kaum etwas sagen, da diese Darstellungen nicht aus dem Bewußtsein und dem entschiedenen Willen geboren werden. Zeichenhaft oder in imaginären Ahnungen tauchen Sie aus jener Zone auf, die die Psychologie das "Unterbewßtsein" nennt. Erkennen kann ich nur Primäres: Zeichen, die das Bild des Menschen heraufbeschwören, feteschistische Signale seiner aus der Tradition in die Zukunft wachsenden Zivilisation, Zeichen für Landschaft, Symbole für Liebe, Tod und Leben.

Mit "phantastischer Kunst" hat das, was ich arbeite, nichts gemein, es sei denn, man reiht jene Maler und Zeichner unter das Dach dieses heute so inflationierten und penetranten Begriffs, denen ich mich geistig verbunden fühle und deren Werke mir den Weg zur künstlerischen Freiheit wies. Ich meine hier vor allendingen Paul Klee und Max Ernst, Wols und Asgar Jorn, Henri Michaux und Jean Dubuffet und, last not least: Joseph Beuys und ....... die zahllosen anonymen Maler und Zeichner, Kritzler und Tätowierer, die seit Altamira lebendige Spuren und beschwörende Zeichen an Höhlenwänden, Mauern und Latrinentüren, im Sand, im Stein und in der menschlichen Haut hinterließen.

Berlin, im September 1979
Godehard Lietzow