• Verena Tafel:
    "Sublime Grenzziehungen--2, in Berliner Kunstblatt, Berlin, Heft 66/90, März 1990
    Berliner "Kunstblatt"

    Sublime Grenzziehungen

    "Wenn einer malt und zeichnet, um der inneren Erlebniswelt Ausdruck zu verleihen und dem Drängen nach visueller Gestaltung ein Recht zur Entfaltung einräumt, ist er als Künstler hinreichend legitimiert. Wenn derselbe Mensch darüber hinaus über ein bemerkenswert großes Talent verfügt, das künstlerische Wesen anderer interpretierend in Worte fassen zu können, obendrein seit nunmehr zwanzig Jahren mit Geschick und Spürsinn für Qualität Werke von zeitgenössischen Malern und Bildhauern auswählen und verkaufen kann, so tut sich die Umgebung mit der Einschätzung schwer. Godehard Lietzow, dem stets ein Bein im Leben zuwenig war und der deshalb in Berlin sowohl an der Freien Universität Germanistik als auch an der Hochschule der Künste bei Fred Thieler studierte, ist als Künstler in Berlin nur wenigen bekannt. Seine in Stetigkeit und Ruhe gereifte Entwicklung lässt sich nun anhand von etwa 50 Aquarellen (...) ablesen.
    Sind die Arbeiten der ersten drei Jahre innerhalb dieses Zeitraumes noch geprägt von der zeichnerischen Erfahrung Godehard Lietzows, mit klarer Aufteilung, oft verbunden mit Tuschfederzeichnungen, so bestimmt das Medium Wasserfarbe von 1980 an mehr und mehr seine Malweise.
    Blaue Seelenmeere, schwarze Abgründe, dunkle Dämmerungen sind seine Chiffren für die eine Seite der Spannung, die jedes Dasein, jeden Traum, jede Empfindung bestimmt. Der Gegenpol: leuchtend-helle, sanft-rötliche kraftvolle Felder, voller Unruhe, pulsierender Vielfarbigkeit und Lichtreflexen. Doppeldeutig die Bildinhalte von Godehard Lietzows Arbeiten, die in komplizierter Technik in einem langen Zeitraum entstehen, mehrere Arbeitsgänge erfordernd. Körperteile lassen sich entschlüsseln, Landschaften von einer hohen Warte aus gesehen, Küstenstriche, Hügelketten, aber auch rein geometrische Formen. Diese sind nicht durch scharfe Konturen von der Umgebung geschieden, sondern wachsen förmlich aus einer Vielzahl von Ab- und Überlagerungen von haarfeinen, oft kaum wahrnehmbaren Grenzbeziehungen heraus: - die denkbar sublimste Form, Anfang und Ende oder auch Gegensätze miteinander zu verschmelzen."

    Verena Tafel
    1990

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