• Verena Tafel:
    Eröffnungsrede zur Ausstellung: Godehard Lietzow "Farbwasserfelder", Aquarelle, Kunstverein Pforzheim, Reuchlinhaus, Pforzheim, 29.3.1992
    Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Farbwasserfelder"
    im Kunstverein Pforzheim 1992



    Lieber Godehard
    verehrte Freunde des Kunstvereins Pforzheim im Reuchlinhaus,

    meine Einführung zu den Aquarellen von Godehard Lietzow möchte ich – und ich erbitte Ihr Verständnis dafür – etwas persönlicher beginnen, als dies allgemein üblich ist- Denn es ist für mich eine außerordentlich große Ehre und Freude heute hier für Godehard Lietzow zu sprechen.

    Godehard Lietzow ist Berliner. Natürlich kein gebürtiger, denn die stammen ja alle aus Breslau, sondern einer, der in dieser Stadt studiert, in die Stadt hinein auf mannigfache Weise gewirkt hat und nach wie vor zu denjenigen Persönlichkeiten zählt, denen Berlin das besondere Flair verdankt. Godehard Lietzow und Horst Hartmann gehören zu jenen, denen diese unnachahmliche Mischung aus Kreativität und Esprit, Tatkraft und Energie, Witz und Charme zu eigen ist, die für das kulturelle Leben Berlins so prägend ist. Als ich biedere Schwäbin aus Stuttgart vor nunmehr achteinhalb Jahren nach Berlin zog, gaben Godehard Lietzow und Horst Hartmann mir Steigbügelhilfe. Dass sich der Kreis in der Zwischenzeit in mehrerer Hinsicht schloss, ich an jener Hochschule tätig bin, an der Godehard Lietzow im Jahr 1960 bei Fred Thieler zu studieren begann und sich mir jetzt just im Süddeutschen die Gelegenheit zu einer Laudatio bietet, macht mir eine besondere Freude.

    Godehard Lietzow ist – und auch dieses verbindet uns sicherlich – jemand, dessen Lebensweg keinesfalls geradlinig und vorhersehbar verläuft, wenn auch das, was ihn erfüllt sich stets um das Eine gedreht hat: um die Kunst. Ob – um Heinz Ohff mit seinem Katalogvorwort aus dem Jahr 1990 zu zitieren – er dem Kunstleben als Kritiker, Theoretiker, Galerist und Galerieberater verbunden war, - ein Suchender war er damit allemal. Ein Suchender ist Godehard Lietzow auch noch heute, einer der aufgebrochen ist zur existentialistischen Suche, der radikal und erbarmungslos in sich hineinhorcht. Im Jahr 1979 reihte Jörn Merkert, heute Direktor der Berlinischen Galerie, Lietzow ein in die Gruppe der großen Ich-Sucher dieses Jahrhunderts.
    Godehard Lietzow begibt sich auf seine innere Spurensuche seit 1980 in zunehmendem Maß in einer Technik, die auf den ersten Blick in Widerspruch zum Anliegen zu stehen scheint, assoziiert man doch mit dem Aquarell das Heitere, das Leichte, das schnelle Erfassen des flüchtigen Augenblicks. Andererseits jedoch ist das Aquarell, weil verbunden mit der Tradition von Skizze, von Notiz, ein Medium, dem etwas Intimes zu eigen sein scheint und genau darüber fügt sich der Bogen von der Form zum Inhalt. Lietzows Arbeitsprozess nämlich währt lang. Kompliziert ist die Technik, sie erfordert mehrere Arbeitsgänge. Diese sind ablesbar. Die Formen, geometrische Strukturen etwa, kristallisieren sich aus einer Vielzahl von Ab- und Überlagerungen heraus. Gegensätze tun sich auf zwischen gewischten Bahnen einerseits und Feldern andererseits, deren Konturen sich wie ziseliert fein und scharf abheben. Sie entstanden als getrocknete Ränder einstiger Wasserpfützen. Dazu setzen gesprengselte Farbkleckse, Spritzer, Tupfer oder Tropfen Lichtpunkte oder es ziehen sich Farbbänder wie Milchstrassen und Nebenwände übers Papier.

    Die Arbeiten, die Sie jetzt hier im Reuchlinhaus sehen können, sind im Lauf der letzten beiden Jahre entstanden. Viele davon tragen den Titel "Die Nacht und das Feuer" und sind Teil eines ganzen Zyklus. Andere Blätter heißen "Tagfelder/Nachtfelder" oder "Blau-Wasser-Feld".
    Auch steht bildinhaltlich in der Farbgestaltung ein Zusammenhang. Allen diesen Bildern ist gemeinsam, dass in Ihnen eine Spannung zum Ausdruck kommt. Aufeinander bauen sich die Farbfelder auf und grenzen sich gleichzeitig voneinander ab. Die hauchdünnen Schichten und Überlagerungen lassen sowohl das Darüber wie das Darunter, sowohl Dahinter wie das Davor, sowohl das Drinnen wie das Draußen, sowohl das eingefangene wie das Davonfließende in ein und dem selben Augenblick der Betrachtung wahrnehmen. Ruhe und Bewegung, aber auch Dunkel und Hell, Distanz und Nähe sind Pole, die das Spannungsfeld umfassen. Und da spielt es keine Rolle, ob das Dargestellte wie die 200fache Vergrößerung eines Wassertropfen erscheint, ob in der mikroskopischen Betrachtung der Mikrokosmos zum monumentalen Symbol für die Strukturen des Makrokosmos wird oder ob nicht vielmehr wie aus der Vogelperspektive, aus großer Höhe Landschaftsverläufe, Küstenstriche, Hügelketten sich dem Betrachter erschließen, spürbar ist in allen Arbeiten der quasi pantheistische Versuch, in der Natur das schöpferische Prinzip – ich könnte auch sagen, das göttliche Prinzip – zu erkennen. In dem Pole, Gegensätze miteinander verbunden werden, werden auch Anfang und Ende miteinander verschmolzen.

    Die Elemente spielen in dem Werk Lietzows eine große Rolle. Nachtblaue Seelenmeere, schwarze Abgründe, dunkle Dämmerungen, tiefe Schattenfinsternis stehen als Chiffren für die eine Seite der Spannung, die jedes Dasein, jeden Traum, jede Empfindung bestimmt. Dem gegenüber stehen hell-leuchtende Lavaströme, glühende Lichtinseln, lodernde Flammen, pulsierende Vielfarbigkeit und sprühende Lichtreflexe, eruptiv fluten die Lebensströme.
    Innen-Landschaften - Außenlandschaften, wer kann, wer wollte sie voneinander trennen?

    "Wollte ich" – so schrieb Godehard Lietzow 1981, "wollte ich meine Aquarelle zu erklären versuchen, müsste ich im Bereich der Musik, der Gedichte beginnen, besser noch im Bereich des Musizierens, des Dichtens, denn nicht das Ergebnis, sondern der Prozess ist wichtig."
    Dieser Dein Satz, lieber Godehard, verleitet mich, am Schluss meiner Ausführungen meine Assoziationen frei schweifen zu lassen. Wir sind hier im Schwarzwald, einer Gegend, die von ihrer Landschaft bestimmt ist. Da Du in Deinem Werk zur Landschaft eine durchaus enge Beziehung hast, möchte ich zum Schluss einem Dichter das Wort geben, der zum einen ganz in der Nähe geboren und aufgewachsen ist, der zum anderen leidenschaftlich gern aquarellierte und der zudem so manches Gedicht, so manche Betrachtung dem Malen gewidmet hat. Ich zitiere also aus "Klingsors letzter Sommer" von Hermann Hesse: "Die Formen der Natur, ihr Oben und Unten, ihr Dick und Dünn konnte verschoben werden, man konnte auf alle die biederen Mittel verzichten, mit denen die Natur nachgeahmt wird. Auch die Farben konnte man fälschen, gewiss, man konnte sie steigern, dämpfen, übersetzen, auf hundert Arten. Aber wenn man mit Farbe ein Stück Natur umdichten wollte, so kam es darauf an, dass die paar Farben genau, haargenau im gleichen Verhältnis, in der gleichen Spannung zueinander standen wie in der Natur. Hier blieb man abhängig, hier blieb man Naturalist, einstweilen, auch wenn man statt Grau Orange und statt Schwarz Krapplack nahm."

    Verena Tafel

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