• Thomas Kurtz:
    "Farbwasserflüsse und Lebensströme", in Pforzheimer Zeitung, Pforzheim,31.3.199
    Pforzheimer Zeitung / Kultur
    31. März 1992

    Farbflüsse und Lebensströme
    Kunstverein zeigt Aquarelle von Godehard Lietzow


    "In aller improvisatorischen Freiheit spiele ich auf dem Instrument des Aquarellisten und dem des Zeichners, belasse der Farbe dem Wasser, der Tusche, dem Papier, dem Pinsel und der Feder ihre Eigengesetzlichkeit, ihren Eigenklang. Bewege mich zwischen visueller Harmonie und Kontrapunktik, versuche ein Grundthema immer wieder aufzufangen, neu zu intonieren, neu zu paraphrasieren, unterlege Rhythmen und Gegenrhythmen" schrieb der Berliner Künstler Godehard Lietzow 1981 zu seinen Aquarellen. wenn auch die ein Jahrzehnt später entstandene "Wasserfarben-Malerei", die der Kunstverein ausstellt, sich verändert haben und ohne Zeichnung mit Tusche und Feder auskommen, so gilt dieses Zitat noch immer.

    1937 in Schneidemühl geboren, studierte Godehard Lietzow von 1959-1969 bei Gerhard Wendland und Johann-Georg Geyger an der Werkkunstschule Hannover und von 1969-1962 bei Fred Thieler an der Berliner Hochschule für Bildende Künste. Parallel dazu war er Germanstik-Student an der Freien Universität. Es folgten in Berlin Jahre der journalistischen Tätigkeit als Kunst- und Filmkritiker und 1970, zusammen mit Karl Horst Hartmann, die Gründung der Galerie Lietzow. Drei Jahre darauf nahm Godehard Lietzow die eigene künstlerische Arbeit wieder auf.
    Der Künstler selbst nennt seine Aquarelle lieber Wasserfarben-Malerei, um den gläufigen Assoziationen zur Technik wie "Licht", "Luftig" oder "kleinformatik" vorzubeugen. Seit 1990 weiten sich die Lietzow-Aquarelle "systematisch ins bildhafte Format aus". Dabei drängt sich hier das für viele Aquarellmaler typische flüchtige Erfassen des Augenblicks in den Vordergrund, sondern das eher in der Ölmalerei übliche Schichten der Farbe in mehreren ablesbarbleibenden Arbeitsgängen. Dazu gehören Farbwasserflüsse, Tropfen, Spritzer, Konturen als getrocknete Ränder von Farbwasserpfützen, übermalt und wieder ausgewaschen, in transparenten, dünnen Farbschichten endend.
    Das unmittelbare Erleben des Arbeitsprozesses und das Reagieren darauf führen in vielen Wasserfarbenbildern von Godehard Lietzow zu einem Miteinander scheinbar gegensätzlicher, letztlich jedoch zusammengehöriger Pole wie Hell/Dunkel oder Ruhe/Bewegung. Darin spiegelt sich ein überall in der Natur erkennbares schöpferisches Prinzip, das Nebeneinander und Verschmelzen von Anfang und Ende, Leben und Tod.
    Wenn aus den dunklen Schattenzonen und tieferen Farbmeeren ein meist diagonal ins bild gesetzter heller Lavastrom ausbricht, dann mag man an "Lebensströme" denken, oder in Anlehnung an einige Bildtitel , an die Wärme und das Licht des Feuers in der Nacht. Heinz Ohff schrieb 1990 dazu: "Lietzow will, wie die großen abstrakten Maler am Anfang der Moderne, etwas Geistiges sichtbar werden lassen"."

    Thomas Kurtz

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