• Renée Schipp:
    "Lietzows Liebesbeziehung zur Kunst", in Berliner Morgenpost, Berlin, 9.12..1988
    Berliner Morgenpost / Feuilleton
    9. Dezember 1988

    Lietzows Liebesbeziehung zur Kunst

    "Godehard Lietzow, der engagierte Berliner Galerist, hat schon als Schüler eine andauernde Liebesbeziehung zur bildenden Kunst entwickelt. Die Arrebit unter Gerhard Wendland in der Schule und später in der Kunstakademie in Hannover und das Studium bei Fred Thieler an der Hochschule der Künste in Berlin haben ihn stark geprägt.
    Als Heranwachsender bereits Mitglied der Kestner-Gesellschaft in Hannover – damals noch unter der fruchtbaren Ägide von Werner Schmalenbach - , traf Lietzow sehr früh mit ausgeprägten Persönlichkeiten der bildenden Kunst zusammen: so mit Feininger und Calder. Die Spuren dieser so überaus fruchtbaren Jahre prägten ihn als fundierten, unvoreingenommenen Kenner der zeitgenössischen Kunstszene ebenso in seiner Arbeit als Journalist, wie sie ihm in der klar konzipierten Leitung der Galerie zugute kamen, die er gemeinsam mit Horst Hartmann 1970 gründete.
    Godehard Lietzows Gespür für Kunst jenseits aller gängigen Klischees hat in der kontinuierlichen Galerie-Arbeit Früchte getragen. Seine Galerie zeichnet sich durch Entdeckungsbereitschaft, Mut zum Risiko und durch ständige Loyalität gegenüber den Künstlern aus, die er über Jahre hindurch geduldig fördert und in Ausstellungen präsentiert. Er selbst ist unbeeinflusst von dem, was er ausstellt, er selbst hat eine sehr eigenständige Begabung als Zeichner und Maler.
    Seine jetzige Ausstellung zeigt seine eigenen neuen Arbeiten, vorwiegend Zeichnungen und Lavierungen. Dabei fällt sofort seine starke Originalität auf.
    Es sind Kopfzeichnungen, die aus dem Unterbewusstsein kommen. Er selbst ist jemand, der vibrierend lebendig, spöttisch und neugierig den Blick auf den Menschen ruhen lässt und sie dann assoziativ mit innerem Engagement in seinen Zeichnungen festhält.
    Seine Werke sind Momentaufnahmen optischen Erfassens und sensibler Beteiligung, die seine Arbeiten auszeichnen. Lietzow ist weder Prediger noch Voyeur, er ist eine lebendige Persönlichkeit mit sprühender Phantasie. Seine Zeichnungen sind beredte Zeugnisse dieser Aufnahmefähigkeit und Zeugnis seiner künstlerischen Integrität. Die anatomisch genaue Wiedergabe der Figurationen interessiert ihn nicht, er arbeit daran, die subjektive Wahrnehmung des anderen mit den Assoziationen, dem persönlichen Eindruck künstlerisch adäquat zu formulieren. Dass er dabei abstahierte Figurationen entwirft, die eine starke Konkretheit haben, verwundert nicht. Dass Godehard Lietzow die Werke seiner Kollegen Wols, Klee, Beuys und die Künstler der "art brut" sehr schätzt, verwundert auch nicht.
    Auch diese Persönlichkeiten entwickelten aus den Zeichen und Symbolen ihrer künstlerischen Begabung ein Weltbild, das bei alles Subjektivität stets Zeichen der Zeit war."

    Renée Schipp

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