• Renée Schipp:
    "Künstlerische Reise der Erfahrungen", in Berliner Morgenpost, Berlin, 22.5.1990
    Berliner Morgenpost /
    Kunstszene Berlin

    22. Mai 1990

    Künstlerische Reise der Erfahrungen

    "Die Aquarelle von Godehard Lietzow, die in den Jahren von 177 bis 1989 entstanden sind, ausgestellt in der Galerie Ludwig Lange, geben eine Wirklichkeit wieder, die so äußerlich nicht sichtbar ist. Es ist ein Sehen, das Landschaften und Vegetation Sinnes- und Atmosphären-Eindrücke in ihren zarten und luftigen Essenzen wiedergibt.
    Die Aquarelltechnik ist ein Abenteuer, das viele Möglichkeiten in sich birgt, und Lietzow nutzt sie vehement. Es folgt der Maxime Paul Klees, nicht das Sichtbare zu zeigen, sondern sichtbar zu machen. So geht er den Konturen des "Hausbootes" in ebenso strikten wie filigranen Schraffuren nach, mit leiser Ironie der "Einsamkeit des Jüngelchens", oder es entsteht eine unnachahmliche Silhouette Napoléons ("Einer aus Frankreich") in Clair-Obscur kühler Farbstimmungen.
    Die Verbindung des Poetischen mit den Gegebenheiten zeichnerisch-malerischer Formgestaltung ist ein besonderer Reiz in allen vorgestellten Arbeiten. Die Werke "Projektion des dunklen Schlafs" oder "Nachtfeld 1" können beiläufig Stimmungen assoziieren, die jeder Schlaflose kennt, aber primär entscheidend sind die formale Durchdringung des Sujets und die unangestrengte Virtuosität der bildnerischen Notate. So entstehen Farbabläufe und Bewegungen der Farbe in der Fläche in ebenso konzentrierten wie scheinbar mühelos fließenden Variationen.
    Geometrische Formen setzen sich scharf konturiert voneinander ab, werden durch die verschiedenartig leuchtenden, schimmernden Töne der Farben in ein durchsichtig sanftes Licht getaucht, das ihnen die Härte nimmt. Die Großzügigkeit der Kompositionen ist selbst im kleinen Format bestimmend. Die Intimität des Geschilderten wird in der Formbeherrschung distanziert.
    So entsteht in diesen Arbeiten von Godehard Lietzow ein Panorama von Eindrücken einer ebenso schönen wie gefährdeten und vergänglichen Reise durch die Zeit und ihre gesammelten und gelebten Erfahrungen."

    Renée Schipp

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