• Renate Schettler:
    "Die Nacht und das Feuer", in Südkurier, Überlingen, 13.10.1992
    Südkurier Überlingen
    13. Oktober 1992

    Die Nacht und das Feuer
    Aquarelle von Godehard Lietzow


    "Bis 1. November zeigt der Berliner Künstler Godehard Lietzow Aquarelle in der Überlinger Städtische Galerie "Fauler Pelz".
    Der Katalog einer Berliner Ausstellung des Künstlers nennt als dessen künstlerisches Ahnen den Spanier Antoni Tapies, den Taschisten Wols, den Russen Nicolas de Stael, schließlich den durch seine Übertragungen berühmten Österreicher Arnulf Rainer. Lietzow – ein später Nachfahre des Informel? Vorbehaltlos möchte man diese Ahnenreihe nicht unterschreiben. Vor allem erscheint Lietzow doch als ein Künstler sui generis, der sich zwar, abstrakt ohne Einschränkungen, jeder festen Formulierung entzieht, aber sich doch thematisch festlegt.

    Vor allem mit dem Thema "Flamme, Feuer, Nacht, Stille" in konträrer Verarbeitung. Lietzow ist ein Kolorist von hohen Graden. Er entwickelt seine Bilder ausschließlich aus der Farbe und aus Farbkontrasten. Selbst dort, wo er erkennbare Formen und eine – meist diagonale – Gliederung braucht, ein Rechteck, eine Ellipse verwendet, bleibt die Farbe das vorherrschende bestimmende Bildelement.
    Und was für Farben sind das! ein flackerndes, leuchtendes Goldgelb, ein glühendes Rot, ein stumpfes Rostrot, ein tiefes Indigo werden, manchmal schichtweise, manchmal fleckig, trocken übereinandergelegt oder auch als Glanzpunkte ganz rein und flächig gemalt. Dazwischen ein ätherisches Blau (wunderschön der "marokkanische Gürtel" in seiner duftigen Durchsichtigkeit). Dann wieder zerfallen die Farben unterhalb der dämpfenden Schichten an den Rändern in ihre Nuancen.
    Dabei kann die aufflackernde Flamme zerstörerisch wirken, aber ebenso auch wie das liebe Leben: warm und wärmend unter dem Dunkel der schwarzgrauen Nacht, bewegt, ja hektisch, dann wieder blühend – und still verlöschend, wenn sich die dunkle Stille darüberlegt. Lietzows Kunst ist, so leise sie auftritt, eine hochemotionale Kunst. Er malt Stimmungen, innere und äußere, und immer scheint die Empfindung (und deren Kontrast) des Malers schon mitgemalt, wie auch die Wirkung auf den Betrachter schon vorweggenommen scheint: Er wird von der Verrätselung provoziert und gleichzeitig in dieses Farbenspiel hineingezogen – dies, obwohl es fast nie dynamisch, sogar selten bewegt erscheint, da es eher auf das Wesen der Erscheinung zielt. Aber es vibriert von einer inneren Erregung, der man sich bei näherer Betrachtung von Lietzows Bildern kaum entziehen kann.

    Neben den Großformaten zeigt der Künstler eine Reihe sehr subtiler Kleinformate, Bilder voll versteckter Poesie und geheimnisvoller Zeichen, sensible Andeutungen einer "gedämpften Welt", die noch im Nebel liegt und schon bald das "helle Feld der Dämmerung" bezeichnet oder der "Nacht und dem Feuer" auf eine ein wenig esoterische Weise huldigt.

    eine für Überlingen fast gewagte Ausstellung, aber eine der seltenen Veranstaltungen, die ihre Nachwirkungen zeitigen; das Gedächtnis kann sich von ihr nicht lösen."

    Renate Schettler

    [ zurück zur Liste ]