• Peter Hans Göpfert:
    "Vom malenden Kunsthändler", in Die Welt, Berlin, 24.11.1979
    Die Welt – Berliner Kultur
    24. November 1979

    Vom malenden Kunsthändler

    "Hier ist einer sehr mutig. Wagt sich ins eiskalte Wasser, während rundum, auch, Staunen und Häme in dicken Pelzen stehen.
    Godehard Lietzow, Abtrünniger zunächst aus dem Kreise der Berliner Kunstkritiker – nach Jahren erfolgreicher Kunsthändlerei hat er sich selbst zu den Machern gesellt. Er zeichnet und malt. In seiner und Horst Hartmanns Galerie trifft man ihn eher im zufälligen Vorübergehen.
    Für seine erste Einzelausstellung hat Lietzow wohl das exterritoriale Gebiet einer anderen, überdies sehr jungen Galerie gewählt. Aber er bleibt in der Höhle des Löwen. In Berlin. Wo einer, der selbst kritisiert hat und dann, ausstellend, höchsten ästhetischen Anspruch vertrat, eigene Arbeiten allgemeinerem Urteil aussetzt, sind nicht nur zahlreiche Freunde, sondern auch die Spötter auf dem Sprung. Lietzow muss sie nicht fürchten.
    Die Federtuschzeichnungen, die man hier sehen kann, scheinen mir noch in etwas zu großer Ausführlichkeit ausgebreitet. Die Niederschrift des Zufälligen, das in solchen Arbeiten doch mehr zum Tragen kommt als jenes vielzitierte Unterbewusste, das angeblich jahrzehntelang so zahlreichen und erstklassigen Künstlern bereitwillig in Feder und Pinsel floß – diese Niederschrift führt eben – Wols hin, Wols her – zu unterschiedlichen Resultaten. Und solange aus der Formlosigkeit nicht für den Betrachter eine neue Bestimmtheit, vielleicht doch gerade eine Sonderheit wieder der Form, leuchtet, bleibt sie privat.
    Will sagen: hier fehlt Lietzow noch die gelöste Hand. Er verbarrikadiert zeichnend mehr, als er sichtbar macht. Dabei lässt sich nicht leugnen, dass manchmal unter der dichten Decke von Strich und Krakel sich ein figuraler Witz hören lässt, dem man gerne eine kräftigere Stimme wünschte.
    Ganz anders die Aquarelle, denen sich häufig die zeichnende Feder wieder zugesellt. Hier hat sich Lietzow bereits eine bemerkenswerte Souveränität angeeignet. Er setzt feine signalhafte oder natürliche Zeichen. Markiert farbliche Konzentration und Ent-Spannung.
    Und diese Farben dürfen sich in schönen Harmonien begegnen und durchdringen. Die Zeichnung, artikulierend, hervorhebend, hat hier nur die zweite Stimme. Musikalität ist freilich nur die Gestimmtheit dieser sensiblen Blätter: Vor allem geht es Lietzow darum, Zeichen und Spuren zu setzen, die Ahnungen tieferer Geheimnisse vermitteln. Damit steht er in langer, künstlerischer Tradition. Dass er auf fruchtbarem Boden wandelt, kann ihm niemand absprechen."

    Peter Hans Göpfert

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