• Jörn Merkert:
    "Ein persönlicher Brief" im Katalog
    "Godehard Lietzow - Zeichnungen und Aquarelle 1977-79", Galerie Marina Dinkler, Berlin
    Text zum Ausstellungskatalog der Galerie Marina Dinkler Berlin


    Lieber Godehard Lietzow,
    Sie haben mich gebeten, für Ihre erste Ausstellung zu Ihren Arbeiten etwas zu schreiben. Als Sie mich einluden, sie mir doch einmal anzusehen, da kam ich, wie Sie sich denken können, durchaus mit einiger Skepsis, die Sie nicht nur freundlich ertrugen, sondern die Sie eigentlich erwarteten, um die Sie eigentlich sogar baten. Ich kam aber natürlich auch mit einer gehörigen Portion Neugier, wußte ich doch schon seit längerem, dass Sie sich aus dem Galeriebetrieb zurückgezogen hatten, eben um selbst zu produzieren. Nur Vages erfuhr man seither von Ihrem Tun - sogar, wenn man Sie selbst befragte -, so dass wohl manchmal auch darüber gelächelt, vielleicht sogar gespöttelt wurde (Sie taten es bisweilen selbst!), als hätten Sie sich wie ein Rentiér zum Privatisieren zurückgezogen. Und jetzt, wo wir die Arbeit sehen können, stimmt's ja auch irgendwo, - das mit dem Privatisieren meine ich. Sie schreiben selbst davon, von Ihrer Subjektivität, vom Hineinhorchen in sich selbst, dass Sie Ihre ureigensten Gefühle, Stimmungen und Gestimmtheiten regel-los und damit gerade nicht eingebunden in wie auch immer geartete akademische Kunstgesetzlichkeiten in Ihren Zeichnungen niederschreiben; ohne Rücksicht, nicht auf die anderen, nicht auf sich selbst, denn manchmal mögen Sie im Schreiben wohl gar nicht wissen, was für ein Tier Sie da hineinzeichnen, das Sie hernach wohl plötzlich anspringen mag. Sie selbst wissen nur zu genau, dass trotz aller Ich-Bezogenheit, trotz allem einzelgängerischen Solipsismus, trotz aller bewußten Abkehr vom kunstimmanenten Denken, Sie sich in Zusammenhänge stellen, sich der großen Ich-Sucher dieses Jahrhunderts zugesellen, die Sie selbst zitieren: Wols, Michaux, etc. Das waren Ich-.sucher, die über große Strenge gegen sich selbst und auf bisweilen höchst qualvolle, schmerzende, verletzende, ja blutige Weise ihr Ich herausließen, laufen ließen und in Schaudern über sich selbst die Welt erkannten. Dieses grenzenlose sich Aussetzen, dieser bewußt gefahrvolle Subjektivismus, gerade weil er so gefährlich grenzenlos war, konnte dann eben auch umschlagen, zum allgemeingültigen Gegenbild zur Wirklichkeit werden, das gerade durch diesen schrankenlosen Subjetivismus - und allein durch diesen - legitimiert war. "Der Künstler als exemplarisch Leidender", hat Susan Sontag das genannt.

    Nun, das ist ein gefährliches Terrain, auf das man sich da begibt. Denn wie so schön spielerisch-unverbindlich läßt es sich in diesem Garten auch masochistischer Lüste, in denen die Wunden als triefende, fleischfressende Pflanzen verführerisch-morbide aufblühen, einherspazieren, ohne dass die anderen es gleich merken. Man kann sich tragisch fühlen, sich und anderen vorgaukeln, lügen, zelebrieren und sich zelebrieren lassen. Solche Kitschiers und Selbstbemitleider, Lügner allzumal, besetzen das Feld, verkaufen sich gut, tragen ein wenig schönes Schaudern ins traute Heim für nette Parties. Da rankt also viel Unkraut. Und da ziehen Sie sich zurück, "privatisieren", und sind sich sicher auch dieser Gefahr bewußt, vom Unkraut überwuchert zu werden zu können.

    Als ich bei Ihnen Blatt für Blatt in die Hand nahm, geriet ich ins Staunen, konnte ich still bleiben, brauchte durch Reden keine Leere zu übertönen. Deswegen versprach ich Ihnen zu schreiben, - und vielleicht entspricht ein persönlicher, privater Brief an Sie, den Sie veröffentlichen können, in der Form sogar ganz gut Ihrer Arbeit. Ich lese gerade die letzte Notiz Notiz meines letzten Besuches. Da steht so oben in die Ecke gequetscht: "alles sehr private Arbeiten, aber nicht nur persönlich." Darum geht es wohl. Und wüßten Sie nicht darum, würden Sie Ihre Blätter wohl auch nicht öffentlichmachen wollen.

    Sie haben Ihre Ausstellung in drei Gruppen unterteilt: einmal die Aquartelle ("Streifenbilder") von 1977, dann die Federzeichnungen von 1977-1979 und schließlich die Aquarelle von 1978-1979. Eine chronologische Ordnung also, die zugleich deutlich macht, dass beide Medien, das "Schreiben" mit Federund Tusche und der Umgang mit der Farbe parallel verlaufen. Und so sehr diese Mittel jeweils anderen Gesetzen gehorchen (auch wenn Sie keine Gesetze mögen!), so ergänzen sie doch auch einander. Da können Sie malerisch werden in der Zeichnung, zeichnerisch mit den Wasserfarben umgehen, und manchmal verhäkelt sich beides.

    In der ersten Gruppe der Aquarelle ziehen Sie schmale wie zeichnerische Farbstreifen, die sich zum einen Rande hin leicht verdünnen, auslaufen, sich verfransen, sanft übergehen, auch vergehen, verschwimmen, sich auflösen und so zu gestreiften Schichtenüberlagerungen werden, Verflechtungen auch, - dann aber von ganz weit auch an Erdschichten erinnern könnten, die für sich sind, einander durchdringen, doch eine ruht auf der anderen, ist Baustein eines Gefüges. Und zwischen ihnen setzen Sie Tupfer, Punkte, kurze, gegenläufig gerichtete Linien, hingetuscht; man sieht dadurch die Bewegung deutlicher, nicht nur der Tupfer, sondern dieses dynamisieren auch die durchgehenden Linien ins Fließen. Und die knappen Kürzel, die wie Buchstabenfragmente alter Schriften zwischen den fast konstruktivistisch-gebaut zu nennenden Farbrythmen stehen, können dann auch zu Zeichen werden. "Landschaften hinter Vorhängen" steht auf meinem Zettel. Verstehen Sie wohl, es geht mir nicht darum, aus Ihren Blättern Gegenständliches herauszurätseln, obwohl die Titel, die Sie den Blättern geben, durchaus dazu verführen könnten. Es geht mir vielmehr darum, Erfahrungen zu benennen, sprachlich zu machen; anzudeuten, wie diese Bilder Ihrer Innenwelt Sinnenwelterfahrungen des Betrachters berühren können und aus dem Ungewußten, auch Verschütteten wieder hervorholen können. Und da Sie die Farben ineinander verweben, mag die Wortwahl des beschreibenden Bezeichnens, was ich auf Ihren Blättern sehe, verständlich und naheliegend sein: Gewebe, Vorhänge, Schleier. Im Wortsinne bezeichnen diese Wörter zunächst Stoff-liches, meinen aber auch den "Stoff" der Luft, des Nebels, des Lichts, Düfte wohl auch. Die Qualität und die Erfahrung der Erscheinung wäre da nahe.

    Lassen Sie mich gleich mit den Aquarellen von 1978-1979 fortfahren. Sie sind freier, gestischer in der Pinselführung und darin schwebender. Zuvor waren die Blätter bisweilen durch eingezeichnete Strukturen gestrafft worden, oder aber die parallelen Farblinien strukturierten die frei dazwischen einhergehenden Gespinste feinster Federzeichnungen. Nun kommt ein Zeichnerisches auf sehr malerische Art in die Aquarelle. Sie arbeiten, gerade, weil Sie die Farben ineinander verlaufen lassen, mit Trocknungsprozessen, wo ein Farbfeld sich selbst scharf begrenzt, mit einem Rand versieht. Diese nehmen Sie dann durchaus als zeichnerischen Ausgangspunkt, um erneut mit anderer Farbgestik einzusetzen. Insgesamt aber sind diese Blätter - erstaunlich genug - figurativer, ganz eindeutig-vieldeutig treten Gesichter hervor. Ganz selten nur lassen Sie den weißen Grund des Papiers stehen, wie Sie es zuvor noch taten. Auch der Farbklang ist ein anderer geworden. Er hat sich vom lichten Zusammenspiel des Blau-Rot-Weiß zum sonoren Grün-Blau-Braun-Lila gedämpft. "Wols ist nahe" steht auf meinem Notizzettel als spintane Reaktion auf ein Blatt; aber das wissen Sie selbst - und mag Ihnen vielleicht gar angenehm sein, wenn ich es einfach so konstatiere. Da steht aber auch: "a-perspektivischer Unterwasserraum". Damit versuche ich nicht nur ein Quasi-Inhaltliches zu benennen, sondern meine auch eine bildnerische Auffassung, auf die ich gleich noch zu sprechen kommen.

    In Ihren Zeichnungen führt die Linie ruhelos, ziellos über's Blatt, findet sich bisweilen mit einer anderen, hält sich auf, knäuelt sich, wird zum Gespinst, kehrt zurück, sucht, ballt sich, fährt aus, bricht ab, überzeichnet sich selbst, verflüchtigt sich. Das kann im Ergebnis vom Betrachter sehr szenisch gesehen werden, ohne dass sich damit auch Literarisches einstellte, zwar vage Gegenständliches, Landschaftliches, Schädel gar oder groteske Figuration; aber nie als perspektivische Gegenstandsbeschreibung (insofern gilt also auch hier eine ähnliche Auffassung vom Bild wie in den Aquarellen), sondern als Niederschreiben eines Erlebens. Ich muß daran denken, wie Werner Haftmann im Zusammenhang mit Wols von den "Fühlfäden" schreibt, in denen sich das Gerümpel der Innenwelt verfangen mag. Diese "Fühlfäden" verwirren sich ineinander, zerzeichnen sich, überlagern sich bis zur Unkenntlichkeit, sind auch wie Spurenzurücklassungen eines inneren Kampfes. Das kann sich auch mal bis ins Comicstrip-haft Erzählerische ausweiten, das aber sofort auch durch Überzeichnen wieder verumkehrt wird, gerade eben noch aufschimmern mag. Denn das Zeichnen selbst erzählt, ist Ausdrucksträger, nicht das Bezeichnete. Dabei zeigen sich diese Blättern oft als ungleichgewichtig, kompositorisch nicht aus-gewogen. Sie sind antikompositionell, findend, aber eben nicht die Form, nicht so sehr die Gestalt, als vielmehr im motorischen Zeichnen die Bewegung, die zum Zeichen werden kann. eigentümlich ist, dass gerade durch die überflüssig gewordene Komposition doch eine Gewichtung innerhalb des Ablaufs des Blattes stattfindet und damit Richtung gegeben ist.
    Sehr genau weiß man eigentlich fast immer, wo oben und unten ist, obwohl Sie beim Zeichnen das Blatt manchmal wohl drehen, schieben und anders ausrichten, also auch "über Kopf" zeichnen. Das Gerümpel der Innenwelt, schrieb ich eben; das war wohl gemeint, wenn ich zwischen meine Notizen dies eigentümliche Stichwort finde: "Amöben der Seele". Dann steht da noch, in Klamnmern, wie versteckt, "Witz, Boshaftigkeit". So versteckt, wie beides in Ihren Arbeiten immer auch enthalten ist. Die braucht man als Hilfe, wenn es um die Müllbeseitigung in der Innenwelt geht; ernster gesagt, um die Trauerarbeit des Ich. Shakespeares 65.Sonett fällt mir ein: "Wie soll die Schönheit diesem Wüten trotzen, die mehr als eine Blume nicht vermag."

    Ich grüße Sie sehr herzlich
    Ihr
    Jörn Merkert

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