• Heinz Ohff:
    "Die Struktur der Stille", im Katalog Godehard Lietzow - Aquarelle 1977-1989, Galerie Ludwig Lange, Berlin, 1990
    Die Struktur der Stille

    "Godehard Lietzow ist Aquarellist. Ungewöhnlich genug, wenigstens hierzulande. Anderswo, etwa in Großbritannien, gilt das Malen mit Wasserfarben als ein eigenes Medium. Bei uns sieht man, mit wenigen Ausnahmen, Aquarelle als Seitenwerke an, die nebenher entstehen.
    Nicht so bei Godehard Lietzow. Er malt mit Wasserfarben wie andere in Öl. Trotzdem bleiben in seinen Arbeiten die besonderen Qualitäten des Aquarells erhalten. Die Farben schreien niemals. Sie fügen sich eher kammermusikalisch aneinander als sinfonisch. Pathos – heute wieder sehr gefragt – verbietet sich so gut wie ganz. Was man auf diese Weise sagen will, muß man leise sagen. Auf den Titel "Versuch zur Stille" stößt man in diesem Werk mehrmals. Er könnte als Gesamttitel über allen diesen Blättern stehen, die dennoch, nach Technik und Inhalt, durchaus als Bilder zu bezeichnen sind.
    Denn, als handele es sich um Öl oder Tempera, finden sich auf fast allen Übermalungen, oft mehrere schichten dick. Sie gehören sogar zum eigentlichen Bildcharakter, bestimmen den poetischen Ablauf und sogar die Farbigkeit. Nicht anders ließe sich jener Grundton herstellen, der auf Lietzows Aquarellen immer wieder im Vordergrund steht, jener Rostton, ein dunkleres Siena, das aussieht wie rote Erde.
    Kompositorisch ist alles meist diagonal angelegt, oft einseitig, ohne Verwendung der Kreuzform. Das betrifft auch schon den – mehr oder weniger abstrakten – Inhalt. Dargestellt wird Aufsteigendes oder Abfallendes, was ja, je nach Standpunkt, ein und dasselbe ist. Aber es gibt auch Blätter, die ins Monochrome drängen, ein nachtdunkles Blau, das sich wie ein Vorhang niedersenkt oder ein Rot, das bisweilen wie Feuer lodern kann. Die Stille, die Lietzow malt, hat elementaren Charakter.
    Wir sprachen von der bevorzugten diagonalen Komposition. Eine heimliche Liebe besitzt Lietzow offenbar zur Geometrie. In vielen Arbeiten tauchen Dreiecke, Quadrate und ähnliches auf, niemals mit dem Lineal gezogen, sondern freihändig hingemalt und oft verschämt wieder übermalt (sie bleiben dennoch deutlich sichtbar und bilden sogar so etwas wie ein thematisches Gerüst). Etwas Natürlich-Geometrisches liegt auf dem Grund der Welt, die Lietzow malt. Es drängt sich nie in den Vordergrund. Aber es bestimmt doch gut die Hälfte seiner Arbeiten.
    Die andere ließe sich am besten als landschaftliche Anklänge definieren. Der Übergang erfolgt nahtlos. Aus Formen (leise geometrischen) und Farben entwickeln sich landschaftliche Umrisse, die weniger auf das Idealbild einer Landschaft zielen als auf jene Quintessenz, die man mit sich nachhause trägt, eine Art von Gesamtbild, das nicht nur Topographisches umfasst, sondern auch den Geist einer Landschaft und die Gefühle, die man ihr entgegen bringt oder die sie auslöst. Auch hier wieder ist es die Stille, die fasziniert. Sie hat nicht nur elementaren Charakter. Sie verleitet zur Kontemplation.
    Lietzows Bilder sind jedoch alles andere als idyllisch; dafür sorgt schon die "moderne" Technik des Übermalens und Wegwischens, das Arbeiten mit mehreren Schichten. Die gewisse Unruhe, die in ihnen steckt, dürfte erreicht und erhalten worden sein durch die lange, mitunter jahrelange Konzentration auf die Zeichnung, die der Maler – instinktiv oder bewusst – in seine Arbeit einzuschieben pflegt. Wie sich Umrisse, mit der Feder gezogen, in den Anfangsarbeiten der siebziger Jahre noch lange in den Aquarellen finden, aus ihnen dann jedoch verschwinden, scheinen sie später autonom geworden, absolut selbstständig, fügen dem Gesamtwerk etwas Neues, Eigenständiges hinzu. Lietzows Aquarelle sind kontemplativ. Seine Zeichnungen sind dagegen eruptiv. Sie schleudern sogar gegenständliche und figürliche Erinnerungen wieder ans Tageslicht, deren Umrisse allerdings sich ebenso wenig ins Reale verdichten wie in den Aquarellen die Erinnerungen an die Geometrie.
    Vielleicht ein Wechselspiel. Bestehen die Aquarelle häufig auf – Lietzows eigene Definition – "Bildresten", also auf dem, was ungesagt, ungemalt bleibt, verschwiegen wird, so brechen die Zeichnungen alles wieder auf, was man mit dem Pflügen eines Feldes vergleichen könnte. Felder müssen beackert werden. Lietzow, dem Kunstleben vielfältig verbunden, als Kritiker, Theoretiker, Galerist, Galerieberater und Maler, weiß das. Seit seinem Neuanfang 1973 hat er – "Ich halte es da mit den Pianisten – täglich gearbeitet. Er begreift, ebenfalls nach eigenem Eingeständnis, "die Malerei instrumental".
    Das unterscheidet ihn dann auch von seinen Vorgängern und sogar seinen Vorbildern. Als er 1962/63 entdeckte, dass er malte "wie Tapies", gab er die Malerei auf. Als er sie nach journalistischem Zwischenspiel, das bis 1969 dauerte, und drei Jahre nach Gründung seiner Galerie 1973 wieder aufnahm, knüpfte er bei Wols an. Frühe Blätter verraten ferner den Einfluss von Nicolas de Staël. Und wer würde beim Stichwort "Übermalung" nicht an Arnulf Rainer denken?
    Parallel – und manchmal auch, getreu seinem Kompositionsprinzip, diagonal – zu diesen vorgebahnten Wegen hat Godehard Lietzow jedoch seinen eigenen Weg gefunden. Zwischen Kontemplation und Eruption wie zwischen Scylla und Charybdis ist er einem Phänomen auf der Spur. Man könnte es als "Struktur der Stille" umreißen. Lietzow will, wie die großen abstrakten Maler am Anfang der Moderne, etwas Geistiges sichtbar werden lassen."

    Heinz Ohff
    1989

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