• Gabriele Meyer:
    "Farbströme mit Überlagerung", in Kurier, Pforzheim, 3.4.1992
    KURIER Pforzheim
    3. April 1992

    Farbströme mit Überlagerung
    Weg und Annäherung sind Künstler wichtiger als Ergebnis


    "Ich misstraue den Ideen-Architekten. Ihre Häuser sind m ir zu katl. In den temerierten Zonen des Lebendigen fühle ich mich wohler", erläutert Godehard Lietzow die Basis seiner Malerei. Seine Aquarelle, kompositorische Farbströme mit starken Überlagerungseffekten, sind jetzt beim Kunstverein zu sehen und bleiben den Beweis für diese Aussage eigentlich schuldig. Von der Vielfalt des Lebendigen, der Spannungsbreite seiner Ausdrucksformen, scheint zumindest in dieser Präsentation wenig durch – ein im Reuchlinhaus erhältlicher Katalog zu seiner Berliner Ausstellung 1990 läßt die Vermutung zu, dass in Pforzheim nicht Lietzows stärkste Arbeiten zu sehen sind.

    Zum Widerspruch reizt auch die Aussage des Malers, die allerdings anhand seiner Bilder für ihn selbst nachzuvollziehen ist: "Nicht das Ergebnis, sondern der Prozess ist wichtig". Der suchende Prozess, die vorsichtige Annäherung an ein immer wieder spontan gestaltetes Ziel der visuellen Harmonie in Verbindung mit einer inneren Gestimmtheit bleibt sichtbar. Übermalungen, Verschiebungen, Überlagerungen von Farben, die neue Pigmentierungen ergeben, weisen Arbeitsgänge und die emotionale und gestalterische Variation eines Grundthemas immer wieder nach.
    Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob dabei Grundsätzlich einem ergebnis, das mit dem Anspruch von Kunst veröffentlich wird, eine zweitrangige Bedeutung zugewiesen werden darf, ob der Betrachter – nicht der Maler – legalerweise letztlich mehr am Ergebnis als an dem Weg dahin interessiert ist.
    Lietzow als Ich-Suchender ist dem Phänomen der Stille auf der Spur – jener Stille, die nicht Lautlosigkeit bedeutet, sondern Harmonie, Frieden, Zufriedenheit und Glück. Dieses Nach-Innen-Horchen bedingt durch den Gleichfluss von Farbe und Form – auch Gegensätzlichkeiten können in ein leises Wechselspiel von Harmonien eintreten. So arbeitet Lietzow durchaus mit konträren Polen – mit hell und dunkel, starr und spontan, distanz und Nähe. Dabei schieben sich immer wieder zeichnerisch-geometriche Kürzel in die oft diagonal verlaufenden Farbströme, die sich in anderen Bildern als blockhaftes element darstellen.
    Doch ebenso wenig wie seine Malerei lässt sich auch der zeichnerische Teil von Lietzows Arbeiten über eine dargestellte Realtät erschließen. Es bedarf der Imagination, aber auch einer intellektuell-meditativen durchdringung. Lietzow selbst sprictht von einem "Lieder malen auf der Fläche", von einem Eigenklang und einer Eigengesetzlichkeit von Farbe, Easser, Tusche, Papier, Pinsel und Feder, von einem Bewegen zwischen visueller Harmonie und Kontrapubktik, vom Versuch, ein Thema immer wieder neu aufzufangen, zu intonieren, zu paraphrasieren, von einem Unterlegen von Rythmen und Gegenrythmen."

    Gabriele Meyer

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