• Dr. Lucie Schauer:
    Eröffnungsrede zur Ausstellung Godehard Lietzow "Elemente", Aquarelle, Romano-Guardini-Stiftung, Berlin, 7.12.1994
    Einführung in die Ausstellung "Elemente"(Aquarelle) in der
    Guardini-Stiftung Berlin 1994


    Godehard Lietzow ist ein Farbenkünstler, d.h. ein Maler, der seine Intuition,seine Gedanken und Träume, Empfindungen und Vorstellungsweiten aus dem urschöpferischen Grund des Farbenkosmos bezieht. Das Aquarell als genuines Medium erlaubt im Prinzip kein Verweilen, sondern gilt als Niederschrift eines eher lyrischen Weltgefühls, gleich, ob es sich um Landschaften, Stilleben, um Zeichenhaftes oder Figuren handelt. So scheint es jedenfalls.
    Denken wir einen kurzen Moment an die unvergleichlich intensiven Aquarellbilder August Mackes von seiner
    Tunisreise, oder an die Zeichenkürzel von Julius Bisier oder vielleicht auch - wieder ein zeitlicher Sprung - an
    die Aquarelle von Sam Francis, die er zum Teil auch als Großformate ausgeführt hat. Nichts weiter verbindet
    diese Künstler außer der Tatsache, dass Sie Aquarelle gemalt haben. Je länger freilich ich darüber nachdenke,
    desto mehr taucht intuitiv die Überzeugung auf, dass das Aquarell eine sichtbar gewordene Form von
    Spiritualität darstellt, etwa wie ein Gedicht eine komponierte Gedankenwelt sinnfällig greifbar macht.
    Ich möchte nun aber nicht länger in Theorien verweilen, sondern unmittelbar auf die Arbeiten von Godehard
    Lietzow zu sprechen kommen. - An ihnen fällt auf den ersten Blick zweierlei auf: zum einen sind es die
    beträchtlichen Formate, zum anderen Tiefe und Vielschichtigkeit ihrer Kernzonen; beides in der
    Aquarelltechnik eher unüblich. Godehard Lietzow baut seinen künstlerischen Kosmos, wie er sagt, aus den
    Elementen Wasser und Feuer, die - als polare Gegensätze - eine Art dramatischen Widerstreits auf den Plan
    rufen. "Späte Löschung der Glut" lautet zum Beispiel so ein Titel. Eine Form in Blau löscht das darunterliegende
    Rot - ein sinnfälliges Geschehen. Auf anderen Arbeiten ziehen sich breite Bänder von glühenden Lavaflüssen
    über das Papier. Auf wieder anderen senkt sich das Blau wie ein milder Teppich der Dämmerung über das
    Geschehen. Wundersame Vorgänge wie aus den Mythen einer uranfänglichen "Weltenbrand"-Saga. Allerdings
    sind Godehard Lietzows dramatische Bildgeschichten als zeitlose Mythen zu lesen. Es handelt sich um das
    Eintauchen in die Abgründe existentieller Zusammenhänge, aus denen der Mensch - zumindest als handelndes
    Wesen - ausgeschlossen ist.

    Ich kenne Godehard Lietzow schon seit langem, habe seine ersten Schritte als Kritiker mitverfolgt und sodann
    seine Erfolge als Galerist über viele Jahre hin miterlebt. Im Nachhinein wird offenkundig, dass dies für
    Godehard Lietzow die Lehr- und Wanderjahre waren. Vorstadien seiner eigentlichen Bestimmung. Schon zu
    Anfang seiner Malerei gab es bestimmte Entscheidungen, die bis heute gültig sind: die lyrisch-abstrakten
    Formulierungen, die poetischen Inhalte, fern von vordergründigen Realitäten - sowie eine sehr individuelle
    Kompositionstechnik, die dem Bildinhalt eine starke Geschlossenheit gibt. Schräge Ovale, Rundungen und
    Diagonale werden vorgegeben und bleiben lange Zeit beherrschend.
    Mittlerweile sind weitere Momente dazugetreten: Flussartige Bänder, in denen und durch die Energie gebändigt
    wird, spitze Kegel gleich Feuerkerzen, Felsenplateaus, die sich echoartig zum Rand hin auflösen. Eine
    begrenzte Gestaltform wird nicht angestrebt; sie ergibt sich aus dem Malduktus. Die Gestik ist der Aussage eng
    verschwistert. Immer geht es um das Einkreisen einer Imagination. Dieses Imago basiert, wie schon erwähnt, auf
    Polaritäten, von denen Feuer und Wasser oder rot und blau nur zwei von vielen sind. Ebenso können wir Tag und
    Nacht, hell und dunkel, fest und schwebend, und eben auch lyrisch und dramatisch sprechen.
    Nicht von ungefähr habe ich vorhin Sam Francis erwähnt. Auf seinen Arbeiten, egal welcher Technik, herrschen
    oft Spannungen zwischen einzelnen Bildelementen. In seinen Aphorismen und Notizen hat Francis sich immer
    wieder zum Phänomen der Farbe geäußert: zum Beispiel "Farbe wird geboren aus der Durchdringung von Licht
    und Finsternis" oder "Farbe ist Licht auf Feuer". Oder, noch erstaunlicher, "Feuer ist eine Form der Zeit".
    - Farbe ist das Lebenselexier dieser Aquarelle, die wir vor uns sehen, und sie ist zuallererst eine spirituelle Kraft.
    Das heißt jedoch nicht, dass Godehard Lietzows Arbeiten nicht auch eine Komponente von Gesehenem und
    Erlebtem in sich trügen. Landschaften zuallererst haben Anstöße gegeben und sind als ""verinnerlichtes"
    Erlebnis wieder ans Tageslicht getreten, im Kunstwerk niedergeschrieben.
    Soeben scheint eine neue Phase eingeläutet zu sein. Nach vielen Dunkelheiten, nach Flammenwerfern und
    Feuersäulen, Dämmerungen und Nachtnebeln wird der Helligkeit eine Chance gegeben. In "Baltic Sunset",
    zwei Arbeiten von 1994, wird die Auseinandersetzung mit dem Licht, genauer gesagt, dem Licht der
    Ostseestrände, als neue Erfahrung ausgebreitet.
    Ein schwebendes Meer, in sich zur Ruhe gekommen, Frieden ausströmend, still.

    Dr. Lucie Schauer
    1994

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