• Dr.Roland Berger:
    Eröffnungsrede zur Ausstellung: Godehard Lietzow "Die Nacht und das Feuer", Aquarelle, Haus der Kultur, Ausstellungshalle, Neubrandenburg, 26.10.1991
    Dr. Roland Berger zur Eröffnung der Ausstellung
    "Die Nacht und das Feuer" 1991


    "... Jeder Künstler hofft zumindest auf die Neugier des Publikums. In unserem Falle – den Bildern von Godehard Lietzow (aus Berlin) – erstreckt sich das Neugierigsein der Einheimischen auf das Kennenlernen, vielleicht aufs Herantasten an eine Bildwelt, der man bisher nicht begegnete oder fremd gegenüberstand, Bekanntschaft also mit einem neuen Terrain. Und die angereisten Freunde sind neugierig darauf zu sehen, wie der Künstler seine Intensionen vorantrieb, in welcher anders- oder weiterführenden Art er seine Werke zusammenstellt und darbietet.
    Da sind wir also beim Motto. ERGÄNZUNGEN.
    Es war also schon etwas vorhanden, ein Vorbild, ein Motiv, eine Grundmelodie. Nun, angereichert durch eine opulente Suite von Werken aus den letzten beiden Jahren, ergibt sich ein thematisch gespannter Bogen: Die Nacht und das Feuer.
    UND versteht hier nicht die Addition im sentimentalen Sinn, eher ist der gegensätzlich bedingte elementare Zusammenhang gemeint, und auch noch sozusagen überkreuz – nicht Tag und Nacht, nicht Feuer und Wasser, nicht Himmel und Erde, die Üblichkeit der Antonyme, nein – Die Nacht und das Feuer.
    Das verweist weniger auf wissenschaftliche Zusammenhänge, mehr auf Dramatik, Erfahrungswerte, Stimmungslagen, Mystik, das Faszinosum des Einmaligen (die Nacht, das Feuer – keine Pluralität), das eine steigert jeweils das andere. Nacht und Feuer ergänzen sich – auch so ist das Motto der Bilder zu deuten – die Ergänzung zwischen Nacht und Feuer zu einer geheimnisvollen dualen Sinneinheit.
    Das Feuer leuchtet in der Nacht. Es bietet Wärme. Feuer vertreibt die Angst in der Nacht. Es ist Licht, Hoffnung, es ist seltsam lebendig, aber es ist kein Leben. Die Feuersbrunst ruft Panik hervor, jagt die Menschen in die Nacht. Nacht ist Schlaf, das Gleiten in den Traum, die Probe für den Tod. Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht, man ist allein, man ist zu zweit.
    Beide – Nacht und Feuer – sind zwar weder gut noch böse. Unser Verhältnis zu ihnen ist die Wertung.
    Godehard Lietzow erkundet dieses Phänomen, führt es uns vor, zeigt wie sie sind, wie sie sein können im gegenseitigen Zueinander. Er verdichtet die Nacht und das Feuer zu Wesen, geformte Angebote für den Traum, schwebend und schleierhaft oder auch kraftvoll und aggressiv, große singuläre Erscheinungen: Feuerflügel, Feuerblume, Feuerengel, Feuerfelder.
    Das Feuer ist Licht, transparentes Glühen, ein zäher Fluss, Lava, keine züngelnde Flamme, ein amorphes Gebilde.
    Die rote Glut variiert zum Violett und lichten Blau, wird Blüte (Nachtblume), expressive Formen tauchen in den Hauch elegischer Romantik.
    Die Nacht, das Dunkel, hüllt ein, ist Mantel der Geborgenheit, füllt – zumeist diagonal verspannt – die Formate. Es ist ein tiefes Nachtblau, aber kein Firmament schmückt es. Es kann auch tiefes Wasser sein. Sehen wir es so, so wandelt sich alles, verkippt sich das Elementare.
    Die Berührungszonen zeigen das Lecken, den Wellenschlag der Ewigkeit, die sanften Stufungen am sandigen Ufer. Die Formen existieren in vibrierenden Grenzen. Vorn wird oben und hinten wird unten, wir steigen steil auf, Raum wird Traum in den Ebenen des Entrückens. Die glühenden Zonen sind Inseln umspült vom Meer im Überflug gesehen.
    Ikarus lässt grüssen, schmolz nicht im höchsten Glück das Wachs seiner Flügel, weil er der Sonne zu nahe kam. Ist es eine Insel überhaupt, es kann ein Lavastrom sein, ein Kometenschweif, die Substanz an sich.
    Manchmal ist das Blau verwandelt, in helleren Tönen wird es lebhaftes Wasser, ein Blauwasserfeld, eine Blauwasserschnelle.
    Lietzows Gegenüberstellungen gerinnen nicht nur ob der farbigen Kontraste, sondern auch durch die angestrebten Formen und deren kompositorische Fügung zu monumentaler Einfachheit, die Bilder atmen trotzdem still, ruhen in Erhabenheit. Man kann sich meditativ in den Kosmos oder die Weite versenken. Der sensible und melodiöse Einsatz der Farbe wiegt auf, dass Godehard Lietzow zumeist mit zwei bis drei Formen auskommt.
    Das kompositorische Gerüst ist oft ein raffiniert verschlüsselter Blickwinkel mit Ausschnitten und Anschnitten aus dem Nahraum. Wem die Dechiffrierung gelingt, der spürt die freundliche Ironie, die ein nicht unwesentliches Moment bei Lietzow ist.
    Mit Augenzwinkern bekennt er sich zum Paradoxon seines Schaffens: Ich male das Feuer mit Wasser.
    Gemeinhin denkt man beim Aquarell an die mehr oder weniger naturnahe Wiedergabe von Reiseeindrücken. Der Aquarellkasten fungiert als Miniatur einer ambulanten Werkstatt. Von Dürer bis Macke über Turner dann die Perlenschnur dieses Mediums in der Kunstgeschichte.

    Bei Godehard Lietzows Bemühungen verbieten eigentlich schon die großen Formate die Bezeichnung Aquarell, das bisher kaum übers handliche hinausgelangte. Hier ist wohl besser von Wasserfarbenmalerei zu sprechen, Gemälde sind angesagt.
    Lietzow setzt auf die Dreieinigkeit von Papier, Wasser und Farbe. Er tuts vehement und konsequent.
    Das Papier, bedacht gesucht und gewählt, meist handgeschöpfte Bogen, steht für das Licht, die durchscheinende Kraft des Grundes, die saugende und samtige Tiefe, die Narbung der Bildhaut.

    Wasser ruft die Transparenz der Farbe hervor, ermöglicht die Überlagerung von Lasuren, das Lavieren und Verfließen. Zufälle, mehr oder weniger mit Erfahrung steuerbar, eröffnen reizvolle kreative Ansätze: da sind Trockenränder und Verkrustungen, Pfützen, wo sich Pigmente anschwemmen, da blühen Farben aus, da arbeitet der Künstler mit dem Pinsel, da mit Schwamm, dort mit Bürste oder Sprührohr.
    Sponanes und flottes Arbeiten ist Vorraussetzung, aber ebenso muss sich im rechten Moment der Künstler zu Vorsicht und Abwartung zwingen.
    Die Trinität Farbe, Wasser, Papier hat ihre materialästhetischen Besonderheiten. Godehard Lietzow nutzt sie bewusst, baut sein Konzept wesentlich von daher auf, ein Lustprinzip seiner Arbeit. Die Harmonie der Stille, das Meditationsfeld mit seinen märchenhaften und mythischen Anmutungen ist nur gegeben, weil die subjektiv-organischen Spuren derartig diffizil die Einheit von Aussage und Technik beherzigen.
    Die Wasserfarbenmalerei ist Lietzow ein Instrument. Er ist Solist. Und wir haben hier den Liederkreis "Die Nacht und das Feuer".
    In das Chaos der Urerfahrung Nacht und der Elementargewalt Feuer bringt er seine Befindlichkeit ein und bemüht sich um Übersicht. Er schafft Ordnung, die tektonische Strenge der Bilder belegt es, und kontrapunktisch dazu bricht die Sehnsucht nach dem mediterranen durch, die Glut der Farben, der sonnige Süden. Godehard Lietzow lebt auf einer Nord-Süd-Achse.
    Frei von verbaler Semantik wird Lietzows Malerei zum autonomen Verständigungszeichen. Er sagte einmal, dass er in seinen Bildern nur auf das Primäre verweisen kann: Zeichen, die das Bild des Mensch heraufbeschwören, fetischistische Signale seiner aus der Tradition in die Zukunft wachsenden Zivilisation, Symbole für Liebe, Tod und Leben."

    Roland Berger

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