• Christian Marquart:
    "Über die sanften Vergnügungen", in Stuttgarter Zeitung, Stuttgart, 10.3.1983
    Stuttgarter Zeitung
    10. März 1983

    Über die sanften Vergnügen
    Godehard Lietzow in der Stuttgarter Galerie Wehr

    "Wer als Galerist Front macht gegen künstlerische Tagesmodes, die auf allzu billige Weise – aber durchaus profitabel für einige der Beteiligten! – belangloses Geklecksel zur Haute Couture erheben, der kommt am Aquarell nicht vorbei: zeigt sich hier doch deutlich, ob ein Maler auch wirklich einer ist, ob er es vielleicht noch werden kann oder ob es sich um einen hoffnungslosen Fall handelt. Wer wissen will, ob die "Jungen Wilden" auf Dauer ernstzunehmen sind, braucht nur nach deren Aquarellen zu suchen. Es gibt so gut wie keine und das ist mehr als ein Zufall: die jungen Herrschaften wissen ganz gut, dass dazu mehr vonnöten ist als die noch nicht verflogene Feuchtigkeit hinter den Ohren.
    Die Stuttgarter Galerie Rainer Wehr, hartnäckig bemüht um "junge" Malerei, die mehr sein will als nur Produkt eines ungesund beschleunigten psychischen Verdauungsvorgangs, präsentiert in ihrer neuesten Ausstellung den Berliner Maler Godehard Lietzow – eine schillernde Figur, deren Werdegang bestimmt ist durch einige Semester an der Berliner Hochschule für bildende Künste, etliche Jahre als Kunstkritiker in Berlin und eine neue Karriere als Galerist ebendort. Lietzow, Jahrgang 1937, brachte rund drei Dutzend Aquarelle in verschiedenen Formaten aus jüngerer Produktion mit: "Gemalte Lieder" nennt er sie, Fundstücke einer "Archäologie des Bewusstseins".
    Der Galerist und Rezensent hat also die Seite gewechselt und das, wie es scheint, mit der Bedächtigkeit und Vorsicht desjenigen, der weiß, dass einem ehemaligen
    Öffentlichkeits-Arbeiter ein gewisses Maß an Innerlichkeit gut ansteht, sobald er die Fronten vertauscht hat.
    Lietzows Arbeiten besingen – um im Bild zu bleiben – das Nächtliche, das Dunkel, die Stille. Den Blättern haftet allerdings nichts Bedrohliches an: es sind Sommernächte, die man nicht allein verbringt.
    Die Stille ist belebt; Farbschichten und Farbspritzer stehen in lebhafter Korrespondenz zueinander wie Nachtgetier im Unterholz, bewegen sich wie Wellen und Dunstschleier in und über einem Tümpel.
    Weil Lietzow mit seinen Aquarellfarben – eine gedämpfte Palette zwischen gelbbraun und blau – gut umgehen kann, malt er am liebsten alles zu: das Weiß des Papiers taugt ihm nicht zur Strukturierung der Flächen, seine "Nachtfelder", "Dunkelfunde", "Schwarze Meere" und "Somnambulen-Hügel" scheuen das grelle Licht des Malgrundes.
    Ein bisschen Geometrie ist immer dabei in Lietzow Arbeiten. Drei- und Vierecke, unexakt angedeutet, schwimmen hell in den abgedunkelten Bildraum hinein, sorgen für die Plausibilität einer Landschaftsmetaphorik, die nichts Räumliches beschwören will, sondern nur Atmosphäre. Manchmal begegnet der Betrachter auch verschwommenen Figuren: Gesprächspartner, mit denen man sich ohne Worte verständigen kann, oder auch Schattenbilder mit verschwommener Erotik.
    Godehard Lietzows Aquarelle besitzen eine stille Überredungskraft: sie sind nicht unbedingt dekorativ, sie sind nicht unbedingt experimetell im Sinne überlegt angewandter Farb- und Maltheorien, und sie sind nicht allzu mitteilsam. Man merkt, dass der Künstler sie nicht für ein Publikum, sondern für sich selbst gemalt hat: nicht aus Gründen der Psychohygiene, sondern aus Abentuerlust. Es sind Abenteuer ohne große Risiken, aber der sicheren Aussicht auf sanfte Vergnügen."

    Christian Marquart

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